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Baltyk Korkanosz Tour UCI 2.2

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Von Nudeln und Rohkostsalat hatten wir am Ende wohl alle genug. Doch im Gegensatz zur monotonen Verköstigung war die diesjährige Baltyk Karkonosze Tour eine abwechslungsreiche Erfahrung in nahezu jeder Hinsicht. Den Hauptanteil daran hatte natürlich die Zusammenstellung des Teams, denn da für Robsi, Fabian und Poul und Tarik die U23 DM im Dautphetal auf der Agenda stand, brauchten Toni, Joon und Sandro externe Unterstützung, um in Polen starten zu können. Dafür fanden sich dann schließlich die drei Gastfahrer Martin, Robert und ich (Halvard), dem die P&S Rennkleidung nach der letzten Saison nicht ganz unbekannt war. Große Unterstützung bekamen wir, und Lars natürlich, zusätzlich durch Leon Berger, der tatkräftig als Betreuer sein bestes gab (als Mechaniker vielleicht eher stark bemüht?). In dieser bunten Konstellation trafen wir uns also am letzten Dienstag in der Nähe von Dresden und machten uns auf den Weg an die polnische Ostsee.

Wie so viele polnische Rundfahrten startete auch die Baltyk Karkonosze Tour mit einem abendlichen Prolog in Kolobrzeg/Kolberg, den es in vier Qualifikationen zu erreichen galt. Hier konnten schon einmal die Beine und Ellenbogen in den zahlreichen Wertungssprints getestet werden, anhand denen dann die Trikots vergeben wurden. Unsere sprintstärkeren Fahrer schlugen sich gut und so erreichten Toni, Sandro und Martin das Finale, während die anderen schon einmal die Konkurrenz beobachten konnten. Den Abend beschloss der, uns zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewussten, Auftakt einer Nudelserie, die gleich am nächsten Morgen zum Frühstück fortgeführt wurde.

Wenige Meter vom Prolog entfernt sollte am nächsten Tag dann die erste Etappe starten. Wir waren alle einigermaßen gespannt, wie die spontane Teamkonstellation funktioniert, und wollten das in der Sprintvorbereitung für Toni und einer guten Ausgangslage für Joon in der Gesamtwertung ausprobieren. Gut durchgeschüttelt und einige Platten später ging es in das erwartbar schnelle Finale, in dem sich Tonis Windschattengeber in einer der letzten Kurven vor dem Ziel leider durch eine Verkehrsinsel auf den Asphalt begaben. Obwohl unerwartbar früh im Wind, sprintete er noch auf einen neunten Platz. Das erste Fazit der Teamleistung: ein guter Auftakt. Insgesamt ein relativ klassischer Sprintertag, der ganz den Erwartungen entsprach. Umso größer der Kontrast zum Folgetag.
Der begann ruhig - sehr ruhig. Mit der Startzeit der Etappe um 15Uhr konnte der Vormittag ausgiebig entspannt bei bestem Wetter genossen werden, leichtes Urlaubsgefühl machte sich breit. Um den Organismus dann nicht ganz in den Ruhemodus abdriften zu lassen, schwangen wir uns nach dem Mittag (übrigens Nudeln+Rohkost+Fleisch) aufs Rad und rollten zum Start der zweiten Etappe in Gollnow. 165km standen auf dem Menü mit einigen Schlussrunden im Zielort Chociwel. Unter dem Startbogen dann, während sich die Fahrer bereit machten, unser Robert, motiviert vom Rennanzug bis in die Haarspitzen, für die Tagesgruppe, erste Gesprächsfetzen des Domin-Teams, über „pricemoney“, „stop“... Langsam sickerte in der ersten Reihe der Startaufstellung der Plan durch, in der neutralisierten Phase anzuhalten. Die polnischen Fahrer initiierten einen Streik, da die Preisgelder des letzten Jahres nicht ausgezahlt wurden. So standen wir also tatsächlich zehn Minuten auf der Landstraße, wobei die Hälfte des Fahrerfeldes, geschweige denn die Sportlichen Leiter, von dem Hintergrund wussten. Schließlich doch Bewegung, die nächste Ansage der polnischen Spontan-Gewerkschaft aus hauptsächlich Domin- und Wibatech-Fahrern: Trainingstempo bis auf die Schlussrunde, erst dann „racing“. Bei anstehenden 165km natürlich ein eher langwieriges Unterfangen. Es gab dann doch Bewegung, bei ca. 120 Fahrern konnte der Plan nicht bis zu jedem durchdringen. So machte sich Robert auf den Weg und erfüllte seinen Tagesauftrag im Grunde souverän. Auch als er zwischen Kilometer 60-70 wieder gestellt wurde war das Tempo nicht allzu gering, es gab sogar kleinere Windkanten und stets massive Schlaglöcher, in die Joon einmal beeindruckend abtauchte. Die sich aufschaukelnde Anfahrt zur Schlussrunde gestalteten wir dann geschlossen als Team, um Toni in einer guten Position für den Schlusssprint aus dem Wind zu halten. Die letzten Runden wurde schließlich unablässig attackiert, Joon und ich mischten kräftig mit - das Tempo war jedoch zu hoch, als dass sich Fahrer vom Feld lösen konnten (wie erreichten trotz 140km „Trainingstempo“ immer noch einen Schnitt über 40km/h). Auf den letzten Metern hatten wir leider nicht mehr die „manpower“ um Toni optimal zu positionieren, trotzdem kämpfte er sich wieder in die vorderen Plätze. Wie sich nach und nach herausstellte hatte Joon inzwschen die gleiche Zeit wie der Träger des weißen Trikots (der übrigens fälschlicherweise auf eine Punkteprämie statt auf erhoffte Bonussekunden sprintete). Ein etwas unkonventioneller Tag für uns, mit revolutionärer Atmosphäre und regen Gesprächen, doch, was die Zusammenarbeit betrifft, als Team auch ein vielversprechender.

Durch einen langen Transfer am nächsten Tag gab es nicht nur unsere Nudeln etwas früher, auch die Etappe war aufgrund der späten Startzeit „nur“ 118km lang. Wir konnten schließlich noch unsere nächste Unterkunft beziehen und anschließend unsere Beine bis zum Startort noch etwas lockern.
Durch die geringe Länge, durch den Wind und durch Start- sowie Schlussrunden versprach die Etappe durchaus hektisch zu werden. Glücklicherweise hielt sich der Stress durch einige Ausreißer jedoch in Grenzen, so dass hauptsächlich Schlaglöcher und Schotter die üblichen Probleme bereiteten. Als es auf die Schlussrunden zuging, zog das Tempo noch einmal kräftig an. Und dann sollte es doch noch einmal etwas spannend werden: Während Sandro Toni aus dem Wind hielt wieder ein Platten, diesmal für Joon, den wir ja für die Gesamtwertung in Schlagdistanz halten wollten. Das hieß also mit Martin am Ende des Feldes warten und mit Joon die Verfolgung des Feldes wieder auf zu nehmen. Zurück im Feld, erst einmal durchatmen, das Tempo ließ schließlich nicht nach, im Gegenteil. Dann ein Zischen und, ich spürte es schon, Joon hörte wieder auf zu treten. Also das gleiche Spiel noch einmal, zwei Runden vor Schluss. Diesmal half Robert mit einer gewaltigen Beschleunigung Joon wieder ins Feld zu wuchten und ich konnte ihn schließlich noch einigerma0en glimpflich vor dem Finale und der Windkante auf der Zielgeraden absetzen. So sollte auch dieser Tag nicht allzu langweilig werden.
Da, wie der Name schon sagt, wir uns mit der Rundfahrt Richtung Riesengebirge (Karkonosze) bewegten, starteten wir die vierte Etappe in Kozuchow südwärts, touchierten auf dem Weg die deutsche Grenze und endeten auf einer selektiven Runde in Luban, etwa auf der Höhe von Görlitz. Was wir am Vorabend noch gar nicht recht auf dem Schirm hatten, war, dass der Träger des weißen Trikots auf der vorigen Etappe mehrere Sekunden auf Joon verloren hatte. Wir durften auf dieser Etappe also nicht nur Joons Platz in der Gesamtwertung verteidigen, sondern auch das Nachwuchstrikot. Die Schlussrunde prägte ein erster giftiger Anstieg, der im Ergebnis für die ersten größeren Zeitabstände sorgte. Joon und Toni (und eigentlich auch Sandro) behaupteten sich in der ersten Gruppe souverän mit einem 14. und einem 19. Platz. Wie mit der schnellen Zielanfahrt mit über 70kmh überhaupt große Zeitabstände innerhalb einer Gruppe gegeben werden konnten, bleibt aber fraglich. Insgesamt optimistisch blickten wir aber schon in Richtung Riesengebirge, vor allem Joon hatte sich mit dem Bergzeitfahren schon ausgiebig beschäftigt und, da nach der Gesamtwertung gestartet wurde, sich eine gute Startzeit erkämpft. Dachten wir...

Nach einem längeren Transfer, auf dem die Straßen immer kleiner und die Kurven immer häufiger wurden erreichten wir unsere letzte Unterkunft bei „Markus“, der uns, wie sollte es anders sein, eine gute Portion Nudeln und Rohkostsalat servierte. Während des Essens dann der beiläufige Blick auf das Ergebnis des heutigen Tages – und ein großes Fragezeichen: auf dem 14. Platz stand nicht Joon, sondern ein anderer Fahrer mit der gleichen letzten Ziffer seiner Startnummer. Lars konnte zwar, trotz der vielen Arbeit, die die Räder und Vorbereitungen ja schon machten, das Ergebnis mit der Rennleitung noch korrigieren. Doch nicht die Startliste für das Bergzeitfahren am Folgetag. Da sich Joon hierauf ganz besonders leidenschaftlich vorbereitet hatte und sich die richtige (wärmere/spätere) Startzeit bewusst zurecht gelegt hatte, bedeutete das für ihn natürlich eine sehr spontane wie krasse Umstellung – er sollte nun als einer der ersten von der Startrampe rollen.

Der letzte Tag der Rundfahrt war mit zwei Etappen, auf denen die Bergfahrer sich so richtig ins Zeug legen konnten, nicht nur ein sehr intensiver und langer Renntag, sondern auch maßgeblich für die Gesamtwertung. Dementsprechend früh bedeutete das für uns die Speicher zu füllen. Joon hatte inzwischen ein Energielevel erreicht, dass seine Zimmerpartner um sieben Uhr früh beeindruckte und beängstigte gleichermaßen: er hatte mit dem Zeitfahren richtig was vor. 11,6km sollte es bergauf gehen und dabei 576hm überwunden werden, mit kurzen 13% wurde es durchaus auch mal steiler. Der Teambus hat sich schon auf den Weg zum Ziel an der polnisch-tschechischen Grenze gemacht, denn runter konnten wir erst, nachdem alle ihr Zeitfahren absolviert hatten. Um 9Uhr fiel dann bei Sonnenschein der Startschuss, kurz darauf rollten Martin und Joon von der Startrampe. Die anderen folgten nach und nach und flogen oder quälten sich die Kehren hinauf. Ich selber spürte die letzten Tage schon arg in den Beinen und merkte geradezu, wie ich auf den flacheren und windigeren Teilstücken des Anstiegs Sekunde um Sekunde verlor. Völlig erschöpft kroch ich ins Ziel, dass ich in meinem Zustand zunächst gar nicht bemerkte: eine per Hand gezogene Linie auf dem Asphalt, ein Mann mit Stoppuhr und Klemmbrett im Klappstuhl, das war’s. Erste Worte mit Leon, Joon hatte mal richtig einen rausgelassen, er fuhr mit 26:45 persönliche Bestleistung und war bis dahin zweiter. Doch es sollten noch einige kommen und die legten dann auch richtig vor: Mit 24:34 kam schließlich der Sieger von Astana ins Ziel, allein unter den ersten zwanzig dehnten sich die Zeitabstände bis zu 2:14 aus. Auch unsere Tretmaschinen Sandro und Robert fuhren ein ordentliches Zeitfahren, gegen die 55kg-Jungs auf den ersten Plätzen war dann aber doch kein Kraut gewachsen. So hieß es die letzten Kräfte sammeln für die abschließende Bergetappe.

Zurück im Hotel nur schnell die Zimmer fertig machen und die leeren Energiespeicher auffüllen. Wir hatten endgültig genug von Nudeln und kochten unseren eigenen Reis, dann rollten wir auch schon mit dem Rad zur letzten Etappe nach Piechowiche. Die Beine hatten schon einige Kilometer in den Beinen, aber es wollten drei ordentliche Berge (7,9km/8,7km/4,1km) und vier schwere Schlussrunden überwunden werden, die zeigen sollten, wer nach 90km noch die besten Beine hatte. Joons Energie-/Koffeinlevel deutete in dieser Hinsicht wieder auf einige Ambitionen hin. Während ich leider schon früh merkte, dass bei mir nicht mehr viel Kraft in den Beinen steckte, konnten die anderen noch einmal alles für Joon in die Waagschale werfen. Im schönen Örtchen Karpacz zeigte sich dann, wie selektiv die Etappe war. Hinter drei starken Führenden (Astana/Domin/Kolss) folgten nur noch zwei größere Gruppen, in der zweiten davon auch Joon. An dieser Konstellation veränderte sich auf den Schlussrunden nicht mehr allzu viel, so dass unser Bergspezialist die Etappe auf dem 29. Platz beendete.

Auf der Rückfahrt nach Deutschland hielten wir noch einmal für einige sehr leckere (und große) Pizzen in einer netten Pizzeria und man merkte, wie die Truppe nicht nur auf dem Rad schon etwas zusammengerückt ist. Auch wenn es nur ein kleines Experiment mit drei Gastfahrern war, haben wir uns auf dem Rad durchaus als Team verkauft, konnten Toni gut platzieren und mit Joon immer noch einen 20. Platz in der Gesamtwertung sichern. Vor allem konnten wir uns aber auch abseits vom Rad jeden mit seinen Ecken und Kanten schätzen lernen und hatten so eine Menge Spaß.

Entschuldigt die Länge des Berichts, ich bin schließlich seit letztem Jahr etwas aus der Übung...
Sportliche Grüße,
Halvard

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25.05.2017 / team p&s
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